vom Glück...noch einmal Kind zu sein

oder warum Kapitän Haddock, Rantanplan & die Apachen meine Freunde sind


Die Bücherwand vor mir war gewaltig und prall gefüllt mit den Lieblingstiteln von damals aus der Kindheit:    

 

  • die Abenteuer von Tim und Struppi
  • die ´grossen Jugendbücher´
  • Tom Sawyer & Huck Finn
  • meterweise des Besten aus ´Readers Digest´
  • Büchern über Kulturen, Archäologie, Forschung etc.
  • Asterix und Obelix, Lucky Luke
  • Walt Disneys lustige Taschenbücher
  • Der Graf von Monte Christo, Oliver Twist
  • die Winnetou-Saga, Perry Rhodan
  • die 3 Fragezeichen
  • die Marvel Superhelden
  • 5 Freunde

 

und unzähligem weiterem von Michael Ende, Federica de Cesco, Enid Blyton, Mark Twain, Ottfried Preussler, Astrid Lindgren, Karl May,  Erich Kästner usw.  Jedes  eine wunderbare Entdeckungsreise für junge Seelen.

Die sonore Stimme meiner Mutter holte mich aus dem Traum innerhalb des Traums zurück „wir müssen los Marcel,  deine Schwester kommt bald aus der Schule“. Hastig raffte ich eine Auswahl Bücher und Hefte zusammen. Leider konnten pro Besuch nicht mehr als fünf Exemplare bei der Bibliothek ausgeliehen werden. Für mich als ausgesprochene Leseratte ein Problem, welches ich mittels zeitgleichem Ausleihen an verschiedenen Standorten umging.  

 

Während die Bibliotheks-Frau die Namen auf meine Ausleihkarte kritzelte, begutachtete ich erregt die Kostbarkeiten.  Da war ein „Tim und die Picaros“, dann „die Abenteuer des starken Wanja“  und schliesslich drei „ 5 Freunde“. Ich konnte es kaum erwarten im Tram zu sitzen.

 

Wir erwischten das Vehikel der Zürcher Verkehrsbetriebe und fuhren Richtung Wiedikon. Kaum losgefahren, war ich schon tief in „5 Freunde als Retter in der Not“ versunken. Weder das Holpern noch der Lärm der Reisenden störten mich dabei.  

Plötzlich legte das Tram eine Vollbremse ein. Das Horn der Strassenbahn heulte auf, die Bremsen quietschten und der Chauffeur brüllte “Sterne Foifi – chönd die nöd uufpasse?!“.  Jemand hatte offensichtlich unaufmerksam die Strasse überquert. Zum Glück nichts passiert. Das Schienenfahrzeug nahm Fahrt auf und ich war wieder bei meinen 5 Freunden.

 

Daheim angelangt dann im Eilzugtempo die Hausaufgaben erledigt und sofort weitergelesen. Nachher Zähneputzen und demonstrativ einige Male gähnen. Von strategischer Wichtigkeit waren die rhythmischen Atem(Schlaf)geräusche währen Mutters obligatem Check einige Minuten nach Lichterlöschung.

Beim Schliessen der Zimmertür wähnte Sie mich schon fest in Morpheus Armen. Dann eine gefühlte kleine Ewigkeit abwarten bis der schmale Lichtstreifen zwischen Flur und meiner Zimmertür erlosch -  und dann….endlich hiess es Decke über den Kopf ziehen, Taschenlampe einschalten und abtauchen in die Geschichten.  Diese unbewilligten Lesenächte waren besondere Erlebnis wenn auch ich dafür in mehrfacher Hinsicht einen Preis bezahlen musste:

    a)     Einnicken in langweiligen

            Fächern am Folgetag

 

    b)     Kraftakt für meine damals

            jungen Äuglein

   

    c)     Entrichtung gelegentlicher

Süssigkeitentransfers an Geschwister (Dichthaltegarantie)

Diese Lese-Erlebnisse waren Momente der vollkommenen Glückseligkeit. Einer überwältigenden intensiven Glückserfahrung welche ich und viele der anderen gross gewordenen Kinder welche ich beobachte,  nicht mehr so häufig zu erleben scheinen wie 'damals'.  

 

Mit einem Mal war der Traum vorbei und ich befand mich wieder im Wohnzimmer wo ich auf dem Sofa eingenickt war und von da aus die Traumreise in die Jugendjahre angetreten hatte.  Im Raum war es behaglich warm. Die Art von Sonnenwärme welche typisch ist für den beginnenden Frühling.  Nicht zu kalt, nicht zu warm sondern gerade angenehm, ja man könnte sagen perfekt.  

 

Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es kurz vor Sechs war.  Ich hatte meinen Lieben  versprochen ein leichtes Abendessen vorzubereiten. 

 

Also nichts wie hin zum Laden. Was für ein herrlicher Frühlingsabend. Im Radio spielten Sie 'Take Five' von Dave Brubeck.  Beschwingt pfiff ich mit. In Dielsdorf angekommen wartete einer der begehrten Parkplätze  direkt vor dem Zentrumseingang auf mich. Keine Überraschung,  schliesslich hatte ich nach langer Zeit mal wieder die mentale Reservation angewandt und mir bei Antritt der Fahrt plastisch vorgestellt, wie ich auf einen freien Platz treffen werde.

 

Bemerkenswert, dass die Methoden der Visualisierung welche mir und wohl sehr vielen anderen Menschen seit den neunziger Jahren geläufig sind erst durch Rhonda Byrne´s „The Secret“ ins Bewusstsein der breiten Masse kamen.    

unser Sohn Jeremy holt sich Leseglück (2005)
unser Sohn Jeremy holt sich Leseglück (2005)

Mittlerweile hatte Dave Brubeck fertig. Ich ging gedanklich die einzukaufenden Artikel durch:  Brot, Früchte, Konfitüre, Apfelsaft, Pfefferminztee und diesen milden Weichkäse in der weissen Verpackung der mich aufgrund seiner Form her immer an einen Plastik-Massstab aus der Schulzeit erinnert. Schulzeit = Jugendzeit. Damit schliesst sich der Kreis zum geträumten. 

 

Es wurde ein schöner Abend. Wir haben gegessen, gelacht und uns von den Erlebnissen des Tages erzählt.


Als ich von meinem Tagtraum berichtete, verdrehten meine Jungs die Augen und meinten lachend "Papi, Du hast einfach eine blühende Phantasie".

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